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Gov. of risk and ressources

 
Projektdetails
Förderung: Geographisches Institut
Laufzeit: 2012–2016
 
Mitarbeitende
 

Forschungsprojekt

Die Bewegung von Risiken in Markträumen

Das Forschungsinteresse richtet sich in geographischer Perspektive auf die Analyse der langfristigen Wirkungen eines zunehmend auf kurzfristige Zeithorizonte ausgerichteten ökonomischen Handelns in Wirtschaftsräumen. Die Bewegungsrichtungen von ökonomischen Risiken sowie ihre Steuerung und Kontrolle (Governance) durch Wirtschaftsakteure bilden dabei das zentrale Untersuchungsobjekt.

Risiken bewegen sich in Markträumen und haben dabei stets auch eine räumliche Dimension. Beispielsweise können Risikoentscheidungen, die an einem Ort getroffen werden, Auswirkungen an höchst unterschiedlichen Orten entfalten. Das Risikomanagement in Unternehmen zielt darauf ab, die eigenen eingegangenen Risiken zu bewerten, zu kontrollieren und zu steuern. Dazu führen Unternehmen Risikobewegungen auf Märkten gezielt herbei. Ganz offensichtlich jedoch versagt ein Risikomanagement bei der Steuerung von so genannten systemischen Risiken, die vielschichtige Bewegungsrichtungen parallel aufweisen. Wie lässt sich ökonomisches Risiko gezielt geographisch verschieben?

Systemisches Risiko wird im Prozess des Risikomanagements als Unsicherheit behandelt. Es lässt sich nur schwer quantifizieren. Seine negativen Konsequenzen lassen sich erst nach dem Eintritt von Schadensereignissen bemessen. Rückblickend zeigt sich bisweilen sogar, dass die Praxis des Risikomanagements selbst performativ zur Produktion des systemischen Risikos beigetragen hat und unintendiert eine (geographische) Risikostreuung verursachen kann. Die spanische Finanz- und Immobilienkrise (2008-2014) und die von ihr ausgehenden gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen bildet hierfür ein interessantes Untersuchungsobjekt (=Teilprojekt 1). Ebenso lässt sich die soziale Herstellung und Streuung systemischer Marktrisiken am Beispiel der Holzwirtschaft und ihrem Umgang mit katastrophalen Wintersturmereignissen in Deutschland bzw. mit verheerenden Waldbränden in Chile untersuchen (=Teilprojekt 2).

Teilprojekt 1: Das Systemische Risiko der Risiko-Governance im FinanzsektorD

Die scheinbar unkontrollierte Überbauung der spanischen Landschaft in Folge einer Preisblasenbildung auf den Immobilienmärkten, katalysiert durch einen Hyperwettbewerb unter den spanischen Sparkassen und als Konsequenz haushaltspolitischer Autonomien der spanischen Regionen hat in Spanien urbanitätslose Geisterstädte, gescheiterte Unternehmen und eine perspektiv- und arbeitslose Jugend hervorgebracht. Offensichtlich hatten Politik und Wirtschaft in Spanien derartige gesellschaftliche Risiken nicht in ihre kollektiven Risikoentscheidungen einfließen lassen. In Spanien konfligierte die zentral (national) organisierte Kontrolle von Finanzmarktrisiken mit einer dezentral organisierten Risiko-Governance in den Autonomen Regionen und einem auf maximale Bilanzgewinne ausgerichteten Risikomanagement in den spanischen Sparkassen. In allen drei Fällen wurde vor allem das kurzfristige Risiko kontrolliert. Investitionen in Wissen, das in der Lage gewesen wäre, systemisches Risiko zu beherrschen, blieben aus. Das Fallbeispiel Spanien verdeutlicht die Notwendigkeit eines nachhaltigen Risiko-Governance-Prozesses, an dem mehrere gesellschaftliche Stakeholder mit ihrem speziellen Wissen gemeinsam partizipieren und Entscheidungsfähigkeit besitzen.

Publikationen
  • Handke, M. (2015): Die Rolle der Sparkassen in der Spanischen Immobilien- und Finanzkrise. In: Geographische Rundschau 67 (2), 38-45.
  • Handke, M. (2014): Riesgos sistémicos en la crisis inmobiliaria y financiera en España, in: AIOS 1 (1), 34-53.
  • Dörry, S.; Handke, M. (2012): Disentangling the geography of finance and real estate: competing space-times of decision and uneven spatial development, in: Articulo. Journal of Urban Research 9 (1), 1-11.

Teilprojekt 2: Das Systemische Risiko der Ressourcen-Governance in der Holzwirtschaft

Auch im Fall der Steuerung und Kontrolle von Risiken, die mit der wirtschaftlichen Erschließung von natürlichen Ressourcen einhergehen, ist es nicht opportun, sich auf die Entscheidungen einzelner Marktakteure zu beschränkt, wenn man systemische Risikoeffekte vermeiden bzw. mindern möchte. Die Forst- und Holzwirtschaft in Deutschland und Chile ist z.B. hochgradig sensibilisiert für die ökonomischen Risiken, die mit starken Preisausschlägen auf dem Holzmarkt in Folge von Windwurfereignissen oder durch Waldbrandkatastrophen einhergehen. Dagegen werden die Folgerisiken solcher Katastrophenereignisse nur selten in das Risikomanagement eingepreist. Ein schlechtes Management beider Risikoarten hat stets auch Konsequenzen für die ökologische und gesellschaftliche Dimensionen der Ressourcenwirtschaft. In Deutschland z.B. hatte der Wintersturm Kyrill im Jahr 2007 im Sauerland die Tragfähigkeit des Konzepts einer nachhaltigen Forstwirtschaft unterminiert. Und in Chile werden seit Jahren mit jedem großen Waldbrandereignis in den Regionen Bio Bio und Araucania diskursiv und wirkmächtig Eigentumskonflikte der indigenen Bevölkerung aufs Neue entfacht. Diese Art Folgerisiken von Kalamitäten lassen sich nur schwer über Märkte externalisieren oder geographisch exportieren. Eine offene Frage ist vor diesem Hintergrund z .B., ob es mit einem ganzheitlichen, prozessorientierten Governance-Ansatz gelingen kann, das Problem fehlenden Wissens über die Bewegungsrichtungen systemischer Risiken in der Forst- und Holzwirtschaft auszugleichen? Oder andersherum: Inwieweit trägt eine Governance, die z.B. einseitig auf individuelle Entscheidungen von Marktakteuren setzt, gar zu einer verstärkten Akkumulation systemischen Risikos bei?

Publikationen
  • Handke, M.; Rehner J. (eds.) (in Vorbereitung für 2017): Governing the risks of resource exploitation. Heidelberg: Springer.
Seitenbearbeiter: Webmaster-Team
Letzte Änderung: 26.11.2016
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