Universitätssiegel
Mitarbeiter

Dr. Bertil Mächtle
Prof. Dr. Thomas Meier (Universität Heidelberg, Institut für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie)
Janine Lange
Arjan Conijn

 
Laufzeit

Januar 2016 – Februar 2018

 
Finanzierung

Thyssen

 
Heidelberg Center for the Environment

HCE

 

Forschungsprojekt

Rheinstromkarte bei Mechtersheim

Ausschnitt der Rheinstromkarte von Wilhelm Besserer aus dem Jahr 1595. Die Ortsflur von Mechtersheim (oben) wird durch einen Damm gegen den Rhein geschützt.

Land unter? – Hochwasser und Hochwasserschutzmaßnahmen am Oberrhein zwischen dem frühen und hohen Mittelalter

Im Westen Europas, an der Rhône und Loire, und auch am Unterlauf des Rheins, wurden spätestens seit dem 12. Jahrhundert Schutzbauten gegen Hochwasser errichtet. Doch für den Mittel- und Oberrhein fehlten bislang vergleichbare Untersuchungen. Wann also begann man am Oberrhein solche ersten mittelalterlichen Schutzbauten anzulegen? Und vor allem: was waren die naturräumlichen und mentalen Bedingungen dieser Maßnahmen? Diesen Fragen geht das von der Fritz-Thyssen Stiftung finanzierte interdisziplinäre Forschungsprojekt Land unter nach.

Ziel des Projekts ist es eine Geschichte der mittelalterlichen Flusslandschaft des Oberrheins als Zusammenwirken von Fluss und Mensch aus der Zusammenschau der Fallstudien zu entwickeln. Kontextualisiert in ihren mittel- und westeuropäischen Vergleichsstudien soll das Projekt auch modellbildend für die Analyse weiterer Flusssysteme und ihrer frühen Deichanlagen wirken.

Dieser Kontext lässt sich nicht in einen natur- und eines geisteswissenschaftlichen Teil trennen, sondern sowohl in der historischen Logik wie in der Forschungspraxis entwickeln sich beide aus einem steten Ping-Pong. So reagieren Deiche nicht nur auf landschaftliche Entwicklungen, sondern gestalten die Landschaft zugleich mit: Deiche die zu beschützenden/ beschützten Agrarflächen und die Aggradation des Flusses stehen in einem engen Wechselverhältnis, wie auch die technische Anlage eines Deiches nicht von seinen soziokulturellen Bedingungen –hier analytisch als Frage nach den Akteuren strukturiert – getrennt werden kann. Forschungspraktisch liefert die historische Funktion eines Deichs und seines Hinterlands ebenso Anhaltspunkte für Datierung wie die geomorphologische Entwicklung eines Flussabschnitts, auf den sich der Deich bezieht. In der steten Kombination und Kontrastierung dieser verschiedenen Perspektiven, kombiniert mit naturwissenschaftlichen Datierungs- und Analyseverfahren, entsteht in den Fallstudien eine immer dichtere Beschreibung der jeweiligen Deiche in ihrer historischen Dimension.

In bislang insgesamt 6 Fallstudien beidseits des Rheins zwischen Mannheim und Strasbourg entsteht aktuell ein breites Panorama hochmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Deiche in ihren regionalen landschaftlichen und kulturellen Kontexten.

FALLSTUDIEN

Speyer, Eselsdamm

Der Eselsdamm erfüllt mit seiner kleinteiligen, geradezu „eckigen“ Streckenführung ein wesentliches unserer präsumptiven Indizien für ein hohes Alter von Deichen und gilt in der Lokalforschung – auf Grund durchaus vager Rückschlüsse – als Infrastruktureinrichtung im Zusammenhang mit dem Umbau und Erhalt des Speyerer Doms (Bau II) ab ca. 1080. Das hohe Alter konnte jedoch nicht nachgewiesen werden – aus Sedimentproben entnommenes datierungsfähiges Material weist in die frühe Neuzeit. Zu dieser Zeitstellung würde auch der Dammaufbau mit einem wasserdurchlässigen Schuttkern aus Buntstandsteinbruchstücken mit Ziegel- und Mörtelresten über einer gering wasserdurchlässigen Basis und einer ca. 1m starken Deckschickt aus Lössderivaten passen, wie er etwa auch in den Niederlanden erst in der Neuzeit nachgewiesen ist.

Speyer, Domgarten

Laut seiner Lebensbeschreibung soll Benno II. von Osnabrück in den Jahren zwischen 1080 und 1088 in Speyer einen Damm aus gewaltigen Steinblöcken errichtet haben, um den Speyerer Dom zu schützen, damit er nicht vom Rhein fortgespült werde (Vita Bennonis II, cap. 21). Mit Blick auf die heutige Morphologie der Niederterrasse, auf sich der Dom erhebt, wäre solch ein Damm am ehesten im Süden entlang eines alten, zweifellos erosionsgefährdeten Prallhangs zu erwarten – sofern im späten 1. Jahrhundert ein Hauptarm des Rheins direkt am Fuß der Domterrasse entlangfloss. Wie die intensiven Geländearbeiten mittels Geoelektrik und Rammkernsondierung ergaben, sind am Fuß der Domterrasse keinerlei Hinweise auf eine derartige aufwändige Maßnahme zu finden. Eine tief eingeschnittene fluviale Rinne konnte nachgewiesen werden, doch wurde offenbar versucht, diese unter Verwendung von Bauschutt zu verfüllen. Damit ist zu erwarten, dass bei Hochwässern die Fließgeschwindigkeit und damit die Erosionskraft des Rheins am Fuß des Doms wirksam herabgesetzt werden konnte, was zum nachhaltigen Schutz des Doms ebenso beitragen konnte wie die Anlage eines massiven Damms.

Speyer, Goldgrube

Speyer Süd

Geoelektrische Widerstandstomographie über den östlichsten der drei Dämme nahe der Goldgrube mit Schichtaufbau und magnetischer Suszeptibilität der Rammkernsondierungen R1-3 im zentralen und randlichen Bereich des Dammkörpers.

Die Goldgrube ist der Rest eines Rhein-Altarms, der im frühen 15. Jahrhundert noch nicht (vollständig) vom Fluss abgeschnitten war und sich über einen Gießen in Richtung Norden auf Speyer zu fortsetzte, aber um diese Zeit durch Deiche abgetrennt wurde. Auf einer aktuellen geomorphologischen Karte sind in diesem Gebiet Reste von Dammlinien verzeichnet, die sich mittels DGM und Erkunden des Gebiets teilweise identifizieren ließen. Zwar sind diese Deiche auf keiner der uns bekannten frühneuzeitlichen Karten vermerkt, jedoch lässt sich auf Grund der Lage und des Verlaufs annehmen, dass es sich um Dämme handelt, die den ehemaligen Gießen begrenzten. Funktional machen diese Dämme nur Sinn, solange Goldgrube und anschließender Gießen noch mit dem Rhein verbunden waren, was eine Anlage vor dem 15. Jahrhundert nahelegt.

Mechtersheim

Mechtersheim

Vergleich der in der Rheinstromkarte von 1595 eingezeichneten Deichlinie nahe Mechtersheim (a) mit eingetragenen Deichlinien später entstander Karten (b) Schmitt´sche Karte von Südwestdeutschland von 1797 (c) TK25 Phillipsburg 1878, Blatt 6716; Projektion: UTM 32N, WGS84.

In der Kurpfälzischen Rheinstromkarte, der ältesten Karte des Oberrheins aus dem Jahr 1595, sind mehrere deutlich erkennbare Deichlinien entlang des Rheins eingezeichnet, u.a. in der Nähe von Mechtersheim. Geomorphologisch liegt die Ortschaft weitgehend hochwassersicher auf einer Übergangsterrasse zwischen der Flussaue und dem Hochgestade. Die Deiche schützten daher wahrscheinlich weniger das Dorf selbst, sondern vor allem die umliegenden Ackerflächen, die auf historischen Karten in diesem Bereich klar zu erkennen sind. Es stellt in dieser Fallstudie eine besondere Herausforderung dar, die Lage der in der Rheinstromkarte abgebildeten Dämme und Mäanderbögen mit den Dämmen und Mäanderbögen abzugleichen und in Übereinstimmung zu bringen, die erstens auf später entstandenen Karten eingetragen sind und zweitens heute im Gelände eindeutig identifiziert werden können.

Ottersdorf

Ottersdorf

Lage der Rammkernsondierungen und geoelektrischen Widerstandstomographien im Untersuchungsgebiet (Überlagerung von LiDAR-Daten und TK50 Rastatt 2007, Blatt L7114; Projektion: UTM 32N, WGS84).

Auf der Grundlage von LiDAR-Daten fiel bei der fernerkundlichen Prospektion anthropomorpher linienhafter Anomalien im Gelände ein heute funktionsloser und flussferner Deich in der Nähe von Ottersdorf auf, der heute noch aus drei, in sich möglicherweise ebenfalls in mehreren Phasen errichteten Abschnitten mit mehreren Reparaturstellen besteht. Die LiDAR-Daten zeigen unmittelbar südlich der detektierten Deichlinie einen breiten und von einer kräftigen Dynamik geprägten Altmäander. Auf ihn scheinen sich die westlichen, West-Ost verlaufenden Teile der Deichlinie zu beziehen, deren auf den ersten Blick überraschend abseitige Lage in einigen Kilometern Entfernung zum (heutigen) Rhein damit eine Erklärung findet. Hypothetisch – die naturwissenschaftliche Untersuchungen stehen noch aus - lässt sich dieser Altmäander mit Archivquellen verbinden, laut denen die Orte Plittersdorf, Ottersdorf und Wintersdorf zunächst auf der Elsässischen (linken) Seite des Rheins lagen. Nachdem der Rhein aber 1306 bei einem Hochwasser bei Seltz durchgebrochen und schiffbar geworden war, bis 1472 der alte Rheinarm östlich der Rieddörfer für die Schifffahrt geschlossen wurde, woraufhin der Rheinarm langsam verlandete. Seither liegen die Dörfer zusammen mit dem Deichrelikt auf der Badischen (rechte) Seite des Rheins. Nehmen wir an, der im LiDAR-Bild deutlich erkennbare Altmäander seit mit dem Hauptgerinne des Rheins vor 1306 identisch und habe danach bis 1472 seinen östlichste Armt gebildet, so dürfte die begleitende Deichlinie mit höchster Wahrscheinlichkeit vor 1472 zu datieren sein. Auch die Reparaturstellen im Deich umrunden halbkreisförmig typische Kolke, wie sie bei Deichbrüchen mit hoher Wasserenergie entstehen, aber nach der Absperrung des Rheinarms 1472 wohl kaum noch zu erwarten wären. Bei der Analyse der östlichsten, Nord-Süd gerichteten Dammstruktur wird deutlich, dass der den südlichen Deichteil begleitende Paläomäander einen älteren Mäander abschneidet, auf den sich der östlichste Teil bezieht. Diese geomorphologische Situation zeigt, dass es sich bei dem östlichsten Damm um den älteren handeln muss. Zudem zeigen die LiDAR-Daten, dass sich die Bereiche im Vorland des östlichsten Damms im Vergleich zum Hinterland auf einem höheren Geländeniveau befinden, die eingetragenen Hochflutsedimente also zu einer Aufhöhung der fluvialen Rinne geführt haben und der Damm somit seine Hochwasserschutzfunktion erfüllt hat. Auch für den südlichen Damm trifft dies zu, denn auch hier wurde eine tiefer liegenden Rinne vom (auch jünger noch durchflossenen) Altarm abgetrennt. Schließlich zeigen die LiDAR-Daten auch, dass sich hinter diesen Deichen Wölbäckerstrukturen befinden, die teilweise bis unmittelbar an die Dämme heranreichen. Diese Beobachtungen legen nahe, dass erstens die Dämme zum Schutz von Ackerflächen angelegt wurden und das heutige Niveau der Hochflutrinne erst durch Aufsedimentation entstanden ist, sowie dass zweitens und im Einklang mit den historischen Überlegungen zwei Dammgenerationen existieren, deren jüngere (südliche) zudem mehrfach ausgebessert wurde, der Altarm zum Zeitpunkt der Anlage der Dämme also noch aktiv war. Diese Verknüpfung von Wölbäckerstrukturen, Dämmen und Hochflutaggradation als aussagekräftige Merkmalskombination ist dazu geeignet, gezielt nach vergleichbaren Situationen zu suchen.

Mörsch

Mörsch

Dammstrukturen in der Rheinniederung bei Mörsch. a) Digitales Geländemodell (LiDAR-Daten und Gemarkungsplan Daxlanden um 1800 nach älterer Vorlage (GLA Karlsruhe H Daxlanden 16, Bild 1). b) Digitales Geländemodell (LiDAR-Daten) und TK 50 Rastatt 2007, Blatt L7114; Projektion: UTM 32N, WGS84).

Die kombinierte Auswertung historischer, geomorphologischer, topographischer Karten sowie der LiDAR-Daten hat weitere Verdachtslinien nahe der Ortschaften Mörsch und Forchheim ergeben, die nun mit geoarchäologischen und historischen Methoden untersucht werden soll. Karten aus dem 19. Jahrhundert zeigen in diesem Gebiet einige klare Deichlinien in der Rheinniederung. Die Dörfer liegen am Rand des Hochgestades, ihre Geschichte reicht laut archäologischen und archivalischen Quellen bis in das Frühmittelalter zurück; Forchheim wird sogar als frühmittelalterlicher Hauptort des Ufgaus genannt. Es ist anzunehmen, dass die sehr nährstoffreichen Auenböden stets –wie heute noch– als Wirtschaftsflächen dieser Orte in der Rheinniederung dienten.

Projektfilm

Abschlussarbeiten
  • Carsten Zube (Bachelorarbeit im Studiengang Geographie, 2016): Fluviale Dynamik im Bereich des Speyerer Domgartens
  • Jan Schmitt (Bachelorarbeit im Studiengang Geographie, voraussichtlicher Abschluss Oktober 2017): Sedimentologisch-geoarchäologische Untersuchungen der Deichlinien nahe Ottersdorf
  • Deborah Priß (Masterarbeit im Studiengang Geoarchäologie, voraussichtlicher Abschluss Anfang 2018): Die historischen Deichlinien bei der Goldgrube südlich von Speyer
Tagungen/ Vorträge
  • Vortrag The relation between man and river dynamics from a flooding perspective in the Upper Rhine valleyin de Session Do you see what I see Theoretical approaches to understand ancient woldviews beim 23. Annual meeting der European Association of Archaeologists am 1.9.2017 in Maastricht
  • Vortrag The influence of the river Rhine and its flooding on the medieval landscapes of the Upper Rhine valley in der Session Archaelogy of rivers and lakes. When water is the bridge beim 23. Annual meeting der European Association of Archaelogists am 1.9.2017 in Maastricht.
  • Workshop in Heidelberg mit eingeladenen internationalen Gästen im Frühjahr 2018 – wird derzeit organisiert
Seitenbearbeiter: Webmaster-Team
Letzte Änderung: 15.11.2017
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